Homöopathie lebenskraft

Bereits im Altertum, im Vandalismus von Aristoteles, ist man davon ausgegangen, dass jedes Lebewesen eine sog. Lebenskraft besitzt. Diese Lebenskraft ist aufgeteilt in Entelechie (etwas was sein Ziel in ich selbst hat) und Dynamis (Kraft, eine Veränderung herbei zu führen) und belebt den Organismus, also den materiellen Körper, lässt ihn empfinden und tätig sein. Die Vorstellung einer nicht-materiellen Lebenskraft übernahm Dr. Samuel Hahnemann für seine Grunddefinition der homöopathischen Krankheitslehre.

„Der materielle Organism, ohne Lebenskraft gedacht, ist keiner Empfindung, keiner Tätigkeit, keiner Selbsterhaltung fähig; nur das immaterielle, den materiellen Organism im gesunden und kranken Zustand belebende Wesen (das Lebensprinzip, die Lebenskraft) verleiht ihm alle Empfindungen und bewirkt seine Lebensverrichtungen“ (Zitat: Dr. Samuel Hahnemann, Organon § 10)

Hahnemann betrachtete Erkrankungen, die kein Chirurg heilen konnte, als solche, deren Ursprung in der „geistigen Kraft“ zu finden waren. Es waren keine “echten“ Krankheiten sondern „Befindungsveränderungen des Gesunden“:

„Das Leiden der krankhaft verstimmten, geistigartigen, unseren Körper belebenden Dynamis (Lebenskraft) im unsichtbaren Innern und der Inbegriff der von ihr im Organism veranstalteten, äußerlichen wahrnehmbaren, das vorhandene Übel darstellenden Symptome, bilden nämlich ein Ganzes, sind Eins und Dasselbe“ (Zitat: Dr. Samuel Hahnemann, Organon § 15)

Dieser Ansicht nach äußert sich also eine Krankheit in der Gesamtheit der Symptome und ist mit einer Verstimmung der Lebenskraft gleich zu setzen. Nach Hahnemann vollzieht sich die Genesung durch die Umstimmung der Lebenskraft und „Befindungsveränderungen des Kranken in den gesunden Zustand“
(Zitat: Dr. Samuel Hahnemann, Organon § 19).


Die Umstimmung erreicht man durch die Verabreichung von kleinen geschüttelten oder verriebenen („dynamisierte“) Substanzen.

Die Lebenskraft macht also den entscheidenden Unterschied zwischen der Homöopathie und der klassischen Schulmedizin aus. Die Homöopathie sieht also nicht die Heilung von Krankheiten durch die Wiederherstellung der ursprünglichen Körperfunktionen, sondern die Heilung durch die nicht-materielle Kraft des Menschen. Hahnemann stritt stets ab, dass Krankheiten materieller Natur sind, jedoch vermutete er „feinste Tiere niederer Ordnung“ als Auslöser der Cholera.

Auch der Leibarzt des preußischen Königs, Christoph Wilhelm Hufeland, vertrat diese weit verbreitete Vorstellung der Lebenskraft. Er stellte sich gegen die medizinische Entwicklung, in der zunehmend reale Beobachtungen ausschlaggebend für die Beschreibung des Lebens wurden. Weite Teile der Medizin verabschiedeten sich seit Entdeckung des Blutkreislaufes von der These einer von der materiellen Welt getrennten Lebenskraft. Ein weiterer Grund für diesen Ansichtenwechsel war die Erfindung des Mikroskops, durch das sehr viele medizinische Entdeckungen gemacht wurden. Viele Vorgänge im menschlichen Körper konnten nun erklärt werden, die die Annahme einer separaten Lebenskraft außer Kraft setzen.

Doch selbst heutzutage arbeiten einige Homöopathen noch mit dem auf der Lebenskraft basierendem Krankheitskonzept. Sie erkennen das individuelle Krankheitsbild ohne Berücksichtigung der materiellen Krankheitsursachen. Die Definition der Lebenskraft hierbei ist, die beobachteten Krankheitssymptome als eine Veränderung der den Menschen belebenden Kraft zu sehen. Das Ziel der Behandlung ist hier die Wiederherstellung dieser Kraft.

Homöopathen des zwanzigsten Jahrhundert, wie Otto Leeser, Julius Mezger und Mathias Dorcsi, definierten die Homöopathie als eine Regulationstherapie und das „Lebensprincip“ (Lebenskraft) als die Fähigkeit des Organismus zur Selbstheilung bzw. Homöostase. Dorcsi lehnte sich jedoch an Hahnemanns Überlegungen an, indem er davon ausging, dass eine Krankheit im Wesentlichen eine Störung der Selbstregulation des Körpers ist, welche durch kleinste Reize korrigiert werden kann – eben dem homöopathischen Heilmittel. Resultat war also, dass nicht alle Krankheiten erfolgreich homöopathisch behandelt werden können, wohl aber die, bei denen es sich um eine Störung der Selbstregulationsfähigkeit des Körpers handelt.